Hugo Helfenstein
Freitag, 27. Mai 1988, Zuger Nachrichten

Von und zu der unerhörten Tradition

Die «O.F. Jazzin'Six» plus zwei in der Baarer Rathuusschüür

Traditioneller Jazz, Swing, Standard-Themen, Soloabläufe, fährt das noch ein, reisst das noch vom Hocker, versetzt das nicht discoverbeulte Gehöre noch in Spannung? Ohne Weltstars? In der Provinz? Jawohl, muss dazu seit Freitag Abend auch von Progressisten/innen zugestanden werden: Mainstream fuhr ein und ab in der Schüür wie die Post aus Tagen, da der Jazz noch elegant über dem Gewimmel von Kunst und Schwachsinn thronte.

Mainstream zu machen, der mit dem Vorbild der fünfziger Jahre, der mit dem Kraft- und Überlebensreservoir afro-amerikanischer Kultur Leben und Meisterschaft gemein hat, das ist ein Wagnis. Was das aus dem Baarer (Guuggemusig-) Kuchen hervorgegangene Sextett «0. F. Jazzin' Six» mit den - heute nicht mehr erklarbaren - Initialen 0. F.» seit der Gründung vor sechs Jahren an Musik genau produziert hat, entzieht sich meiner Kenntnis, der jetzige Kursabend begeistert nach Noten.

Nicht Anfang und nicht Ende
Urs Büttikers warmer, von spielfreudiger Wendigkeit getragener Trompetenton ordnet sich diszipliniert ein ins Gruppengeschehen. Guido Strebels Rhythmusgitarre - in einem Bossa Nova auch solistisch überzeugend - ersetzt das fehlende Klavier durchaus. Roland Schleiss hat sich zur Hauptsache dem Bass zugewandt, verwendet aber nach wie vor das Sousaphon, dieses schon einmal erfrischend stilverfremdend in einer typischen Swing-Nummer, sie auf New Orleans zurückbuchstabierend. Neben diesen drei Gründungsmitgliedern sorgt Erich Hunkeler für eine bisweilen sackstark drivende Rhythmusunterlage, für - zumal in der erweiterten Formation - perfektes Big-Band-Schlagzeug. Die bis anhin alternierend eingesetzten Saxophonisten und Posaunisten traten diesmal nacheinander, im dritten Teil sogar miteinander auf. Roland von Flüe liess seiner Vorliebe für die
Texas-Tenortradition eines Gene Ammons freien Lauf, jumpend-rockenden, krächzendpfeifenden Lauf, er preschte unverfroren über die Grenzen zu Rhythm'n' Blues, Rock'n'Roll und so weiter hinweg. Wie bei allen Bläsern blitzte auch bei Vincent Lachats elegant-humorvoller Posaunenspielweise die Erfahrung von Bebop und späteren Stilen in schamlosen Verrenkungen (auch Zitaten) unterm züchtigen Swing-Korsett hervor.

Bläser mit Seitenwagen
Die zweite Besetzung fiel keineswegs ab. René Twerenbold hält die Klarinette konsequent heraus aus der Enge des imageverhafteten Stilklischees, indem er etwa ungewohnt lange in der tiefen Lage, dann ebenso eigensinnig in der mittleren verweilt. Auch m Altosax zerdehnt er seine fallenden Läufe zu umfangreichen Kaskaden mit lyrisch-bluesigem Gehalt. Hugo Helfenstein spielt seine Posaune expressiver, mehr der zupackenden Riff-Phrase angenähert als sein Westschweizer Kollege.

Beim anschliessenden Auftritt sämtlicher Musiker setzte jeweils einer der letzteren während der arrangierten Themenvorstellung aus. Eine besonders reizvolle Ensembleleistung gelang mit dem - auch singend vorgetragenen - Swing-Schlager «Flat Foot Floodie», für einmal von jeglicher Nostalgie entschlackt., mit der Reihe nach sich abwechselnden Breaks aller Instrumente. Klar, dass es hernach nicht ohne mehrere Zugaben abgehen konnte!

Adrian Hürlimann